Wenn Kinder ausrasten

Schreien, Schlagen, Kreischen, blinde Zerstörungswut – all diese Symptome lassen nur eine Diagnose zu: Der “Zornteufel” ist am Werk! Eigentlich ist diese Formulierung schon falsch, weil sie eine negative Bewertung beinhaltet.

Das Problem sind nicht die Wutanfälle an sich, sondern die Auswirkungen und die Einstellung der Erwachsenen dazu. In einer Zeit, in der wir immer mehr den Frieden als Ziel auf unsere Fahnen schreiben, sind kindliche Aggressionsschübe mit ihren heftigen Auswirkungen nicht erwünscht. Wut = schlecht, diese Gleichung suggeriert tobenden Kindern, sie seien schlechte Menschen. Wie in vielen anderen Bereichen gilt auch bei kindlichen Wutattacken: Erst wenn ich einen Umstand annehme, kann ich ihn überwinden. Der erste Notfall-Tipp muss also lauten: Tief durchatmen und versuchen, den emotionalen Sturm Ihres Kindes anzunehmen. Sicher – es ist nicht ganz leicht, ein Kind, das sich im Supermarkt schreiend auf die Erde wirft, weil es den Lolli nicht bekommt, anzunehmen. Dennoch: Eltern, die das schaffen legen einen ersten Grundstein, dass ihre Kinder ihre Wut kontrollieren können.

Warum Wut gut tut

“Wut tut gut” sagt der Erziehungstherapeut Jan-Uwe Rogge in einem Vortrag zum Thema kindliche Aggressivität.
Bei diesem Ausspruch werden die Leidtragenden kindlicher Wutanfälle erst einmal zusammenzucken. Wutanfälle kosten Energie und Nerven und haben die Tendenz, viel zu zerstören, dennoch ist die Wut ein wichtiger Bestandteil des Mensch-Werdens.

Kinder brauchen Aggressionen, um sich selbst zu finden. Kinder verfügen am Anfang noch nicht über sprachliche Möglichkeiten, sich auszudrücken, also sind Handgreiflichkeiten meist das beliebteste Mittel, um Konflikte zu lösen. Kinder beginnen, sich von allem anderen abzugrenzen und ein “Ich” zu entwickeln. Wenn sie dabei auf Grenzen stoßen (körperliche, intellektuelle oder die, die Eltern ihnen setzen) bricht die blanke Wut aus, weil das Kind noch keine andere Lösung kennt.

Wut-Muster

Auch wenn Wutanfälle nicht steuerbar sind: Kinder lernen sehr schnell, Wutanfälle als Mittel der Manipulation einzusetzen. Ein Beispiel: Ihr Kind tobt und um die für Sie unangenehmen Situation zu beenden, geben Sie nach. Ihr Kind lernt: Mit Wut komme ich ans Ziel – Wut ist das geeignete Mittel, um zu erreichen, was ich will. Ein zweites Beispiel: Ihr Kind möchte Ihnen etwas zeigen, Sie haben aber gerade keine Zeit. Wenn Ihr Kind aber gerade dabei ist, seine Geschwister zu drangsalieren, kommen Sie schnell angelaufen – jede noch so wichtige Tätigkeit wird sofort unterbrochen. Hier ist die Aggression ein Mittel, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Kind lernt: Wenn ich höflich bitte, bekomme ich keine Aufmerksamkeit. Wenn ich jedoch tobe, ist sofort jemand da. Die negative Zuwendung der Bezugsperson empfindet das Kind als “besser” als gar keine Zuwendung – ein Muster hat sich etabliert. Der nächste Wutanfall wird nicht lange auf sich warten lassen.

Aggressionserziehung ist gefragt

Erziehungsexperten wie auch Jan-Uwe Rogge fordern eine “Aggressionserziehung”, die ab dem 2. Lebensjahr beginnt und die ganze Kindheit und Jugend über andauert. Aggressionserziehung verfolgt das Ziel, dass die Kinder weniger Zornausbrüche und körperliche Gewalt einsetzen, sondern alternative Formen finden, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können.

Tipps für Eltern

  • Nehmen Sie die Aggression Ihrer Kinder an. Machen Sie deutlich, dass Sie zerstörerisches Verhalten nicht billigen, aber zeigen Sie auch, dass Sie die Emotionen Ihres Kindes ernst nehmen.
  • Wenn ein Kind völlig außer Rand und Band gerät, ist es am besten, Sie schicken es auf sein Zimmer. Wenn es andere Kinder schlägt, Gegenstände kaputt macht oder mit Essen um sich wirft, erklären Sie ihm unmissverständlich, dass Sie dergleichen nicht dulden können. Der Zweck ist, das Kind etw. fünf Minuten räumlich von seinem Problem zu trennen. Ein paar Minuten Isolation sind weder negative Aufmerksamkeit noch Belohnung (es entwickelt sich kein negatives Muster). Sie sind eine Zeitspanne, während der das Kind sich beruhigen kann. Weigert sich Ihr Kind, auf sein Zimmer zu gehen, so begleiten Sie es. Schreiben Sie nicht vor, was während dieser Besinnungspause passiert – außer das Kind ist destruktiv (dann müssen Sie strengere Maßnahmen ergreifen). Es könnte sonst zu einem Machtkampf kommen. Ignorieren Sie Brüllen oder auch Flehen. Viele Kinder nehmen dann irgendwann schon von selbst eine solche Auszeit, weil Sie merken, dass sie ihnen hilft, sich zu beruhigen.
  • Wenn Ihr Kind wütet, ist es nicht für Argumente zugänglich, da es sich in einem “psychologischen Nebel” befindet. Während des Wutanfalles ist ein Teil unseres Gehirns aktiv, das die Autorin Vera F. Birkenbihl “Reptiliengehirn” nennt. Diese Gehirnregion war zu Urzeiten für unser Überleben zuständig. Das Reptiliengehirn kennt nur zwei Handlungsmöglichkeiten, wenn es sich bedroht fühlt: Die Keule schwingen oder die Flucht ergreifen. Es macht also absolut keinen Sinn, mit Ihrem zornigen Sprössling rational zu kommen, die Argumente erreichen ihn nicht. Suchen Sie später das Gespräch, wenn das “zivilisierte Hirn” wieder die Oberhand hat.
  • Wenn der Wutanfall vorüber ist, ist ein liebevolles Gespräch und Körperkontakt das, was Ihnen beiden hilft. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über das Geschehene ohne das Problem tot zu reden.
  • Loben, loben, loben – Wann immer ihr Kind einen Konflikt friedlich löst oder bereit ist, einen Kompromiss einzugehen, sollten Sie Ihre Anerkennung zeigen. Das Motto muss lauten: Nicht bei Wutattacken schimpfen, sondern positives Verhalten durch Lob verstärken.
  • Ein gutes Beispiel: Eltern, die nie ihre negativen Gefühle herauslassen, sind kein gutes Vorbild für ihr Kind. Das Kind begreift sehr schnell die Verlogenheit, denn Kinder spüren intensiver als Erwachsene, welche Gefühle einen Menschen bewegen. Auch negative Gefühle gehören zum (Familien-) Leben dazu. Zeigen Sie auch vor Ihren Kindern Ihre Wut und Traurigkeit, aber zeigen Sie auch, wie man konstruktiv damit umgeht. Wer (ausschließlich) in seiner Wut badet, ohne etwas Konstruktives daraus zu machen, ist ein wenig wie ein Frosch, der nur quakt. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass es auch eine Adler-Perspektive gibt. Der Adler erhebt sich vom Boden (stellvertretend für das, was ihn wütend macht), sieht es sich von oben an, gewinnt so auch Abstand und kann aus dieser Perspektive auch Lösungen für Probleme finden.
  • Um Aggressionen zu reduzieren, brauchen Kinder Fähigkeiten, Situationen richtig einschätzen zu können, Selbstsicherheit als positive Form der Aggression und die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren, wenn die Aggression schädigend wirkt. Situationen bieten sich im Familienalltag genügend, um diese Fähigkeiten zu trainieren.
  • Je mehr ein Kind sich in andere Menschen und Lebewesen einfühlen kann, desto weniger wird es destruktives Verhalten zeigen. Wer versteht, wie weh es dem kleinen Bruder tut, wenn er beschimpft und geschupst wird, dessen Hemmschwelle wird mit der Zeit höher werden. Fördern Sie also unbedingt das Verständnis Ihrer Kinder für alles, was lebt und fühlt. Fordern Sie es permanent heraus, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen und die eigene Sicht der Dinge hinter sich zu lassen. Mitgefühl ist ein starkes “Argument” gegen Wut.
  • Sport ist eine Möglichkeit, Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Aggression auszuleben, ohne zu verletzen. Judo, Karate und andere Sportarten sind für aggressive Kinder ein sinnvolles Ventil.
  • Wenn Ihr Kind ungewöhnlich heftig und oft Aggressionen zeigt, sollten Sie den Kinderarzt aufsuchen, es könnte eine Krankheit dahinter stecken. Wenn keine organischen Ursachen für extreme Aggression zu finden sind, ist es ratsam, einen Kinderpsychologen aufzusuchen.
  • Erteilen Sie Machtspielen eine klare Absage. Wenn Ihr Kind merkt, dass es mit Toben etwas erreicht, haben Sie verloren.
  • Werden Sie bei Wutanfällen in der Öffentlichkeit nicht nervös. Andere Eltern kennen das Problem auch. Auch hier darf Ihr Kind nicht lernen, dass es etwas erreicht, weil Ihnen die Situation peinlich ist.

5 Kommentar zu “Wenn Kinder ausrasten

  • 1
    Kietschky
    Januar 19th, 2009 17:22

    Danke,das hat schon geholfen.Mein Kind(fast 5) hat täglich ein oder mehrere Wutausbrüche und das Schreien nicht hilft weiß ich.Aber wenn man weiß wieso diese Attacken kommen und das man sie nicht totreden soll,ist es schon besser.Wir machen eigentlich viel zusammen aber ich denkje er fühlt sich hinter seinen Bruder(2,5) gestellt weil er auch häufig auf ihn losgeht.Ich werde versuchen selbst ruhiger zu bleiben damit es sich nicht hochschaukelt.Danke

  • 2
    Hardes
    April 28th, 2009 23:07

    Diese Tips und Ratschläge sind ja scheinbar für die “normalen Wutanfälle” super. Aber für meinen Fall bei meinem Sohn(7Jahre) sind diese Tips nicht angebracht. Er rastet schon bei einer Kleinigkeit aus. Nicht, weil er etwas nicht bekommt,
    sondern wenn ihm etwas unangenehmes passiert z.B. er fällt hin, die Lehrerin sagt, dass die Aufgabe nicht richtig ist oder wenn eine Betreuerin ihn mahnt, dass er nicht mit Steinen werfen darf.Jede Form an unangenehmen Gefühlen äußern sich bei ihm als Wutanfall, oft auch mit schweren Agressionen.
    Es wäre schön auch in unserem Fall ein paar Tips hier mal lesen zu können.

  • 3
    Waldfee
    Mai 31st, 2009 21:37

    Gottseidank habe ich jetzt mit diesem Kurzbericht etwas in der Hand, wo ich in den Gesprächen bei Therapeuten mit einsteigen kann. Habe einen 11 jähr.Sohn, der von sich aus schon sagt, “wenn meine Wut hochkommt, kann ich sie nicht mehr zurückhalten!” Wir Eltern und Schule sind auch schon hilflos, weil jede Art von Mobbing schon eine kleine Katastrophe auslöst. Vielen Dank für diese kleinen Lösungsvorschläge!

  • 4
    Peter Ulrich Sanker
    September 8th, 2009 04:10

    Es ist dienstag morgen 03.20 und mein dreijähriger sohn Tim hatte gerade einen wutanfall. So stark habe ich ihn noch nie erlebt.er brüllte kratzt, schlug, . Ohne ersichtlichen grund. Ich habe mir dann Überlegt darüber zu googlen und kam auf ihre seite. Danke für die Tips.

  • 5
    Mimi
    Oktober 22nd, 2009 13:45

    Vielen Dank für diese Information!
    Manchmal ist es schwer als Eltern nicht auf die Machtspielchen reinzufallen und bei der Sache zu bleiben.( Z.”das zu Bett geh Ritual”) Es ist so wahnsinng schwer ruhig zu bleiben, wenn mein Kind nicht hört und sich verweigert. Ich werde mir die Tips zu Herzen nehmen.

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