Hyperaktive Kinder
Hyperaktivität (auch genannt: Hyperkinetisches Syndrom) kann sich bei den betroffenen Kinder wie folgt äußern:
Zielloses und dranghaftes Verhalten, kurze und gestörte Aufmerksamkeit, erhöhte Ablenkbarkeit, geringe Organisiertion, Wutanfälle, Zappeligkeit, Zerstörungsbedürfnis, den Anforderung des Schulaltags nicht gewachsen, ununterbrochenes “Quatschmachen”, Zerstreutheit, Vergesslichkeit, innere Unruhe, ununterbrochenes Reden, kaum ruhiges Sitzen möglich, tausend Ideen, spontanes und vorschnelles Handeln.
Diese Verhaltensweisen werden natürlich auch bei nichthyperaktiven Kindern beobachtet, bei diesen treten sie aber gehäuft und in einer vielfachen Kombination auf.
Die beschriebenen “Symptome” sind in der Regel nicht abhängig von Situationen, sie treten in der Schule, im Alltag zu Hause und beim Spielen gleichermaßen auf. Auch treten sie nicht anders auf, ob das Kind alleine ist, oder ob andere Erwachsene und Kinder anwesend sind.
Durch die Anwesenheit anderer Menschen können sie allerdings anders und mehr oder weniger häufig auftreten, je nach den Erfahrung des Kindes mit diesen anderen Personen.
Die Unabhängigkeit von Situationen ist ein wichtiger Hinweis bei der Abklärung, ob eine Hyperaktivität vorliegt.
Es wäre falsch und vorschnell, hyperaktive Kinder als “Ausbund negativer Eigenschaften” oder gar krankhaft und defizitär zu bezeichnen. In der Regel sind sie kreativ, phantasievoll, offen für neue Eindrücke, bereit neue Wege zu gehen, sie sind spontan und engagiert, sensibel und einfühlsam. Doch es fällt oft schwer, diese Talente zu erkennen und zu fördern.
Die Ursachen für Hyperaktivität sind immer noch nicht endgültig geklärt.
Es gibt Hinweise auf eine genetische Komponente, dahei ist auch immer eine Abklärung eine möglichen hirnorganischen Störung sinnvoll und nach ärztlicher Beratung notwendig.
Weitere Hinweise deuten auf Probleme in der Zeit der Schwangerschaft und Geburt hin (Risikoschwangerschaft, Blutungen, Sauerstoffmangel).
Auch Ernährungsstörungen (z.B. allergologische Reaktion durch Nahrungsmittelzusätze), Infektionskrankheiten, Kinderkrankheiten werden als Verursacher genannt.
Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, daß es kein Alles-oder-Nichts-Prinzip gibt. Es ist in der Regel ein Zusammentreffen verschiedener Gründe, die Kinder hyperaktiv sein lassen. Auch müssen die oben genannten Ursachen und Probleme natürlich nicht zwangsläufig zu einer Hyperaktivität des Kindes führen.
Wichtig ist es auch, daß Eltern nichts falsch gemacht haben, daß sie nicht Verursacher der kindlichen Hyperaktivität sind, also keinesfalls Schuldgefühle haben müssen.
Auswirkungen der kindlichen Hyperaktivität:
Eltern sind in der Regel durch vielfältige Überlastungen überfordert.
Sie fühlen sich gehetzt, müssen immer auf der Hut sein, erhalten ständig Hinweise und Aufforderungen aus Kindergarten, Schule, von Nachbarn, Eltern anderer Kinder. Auch reagieren viele Eltern, zum Teil gegen ihre innere Einstellungen, mit ständigen Ermahnungen und Bestrafungen.
In besonderer Weise ist auch die Schulzeit betroffen, denn hyperaktiven Kindern fällt die herkömmliche Form zu lernen schwer und auf vielfältige Form auch das Erbringen von Leistungen in den verschiedenen Fächern.
Exkurs:
Aktivität, körperliche und motorische Betätigung bekommen in der Regel nur noch Kinder, die auf dem Land aufwachsen. Für eine motorische Tätigkeit ob mit Arbeit verbunden oder nicht – stehen meist nur zwei Stunden Sport in der Schule zur Verfügung. Und dort finden hyperaktive Kinder auch ihre volle Entfaltung. Darüberhinaus werden Aktivität und Bewegung zum privaten Hobby, das man auch bleiben lassen kann.
Und die Schulzeit zeichnet sich durch Stillsitzen, Konzentration und kognitive Leistung aus.
Es sind also zum großen Teil die Anforderungen der Gesellschaft (in der (hyperaktive) Kinder aufwachsen), die an die Kinder gestellt werden, und die den Zappelphilipp zum Problemkind werden lassen.
Anders formuliert: Die von den Erwachsenen gestaltete Umwelt, in die er sich einfügen muß, wird zum Problem für das Kind. Die ungeheuren Veränderungen der Lebensbedingungen, in die die Kinder hineingeboren werden und in denen sie aufwachsen, werden von den Erwachsenen kaum mehr zur Kenntnis genommen. Niemand fragt, ob sie kindgerecht sind.
Wenn ein Kind auf dem Schulweg dem Verkehrslärm ausgesetzt ist und höllisch auf seine körperliche Versehrtheit achten muß, Minuten später muß es ruhig sitzen, still sein und sich geistig konzentrieren. Kaum jemand kommt auf die Idee, den Kindern einen Übergang bei der Bewältigung dieser Unterschiedlichkeiten zu schaffen.
Medikamente:
z.B. Ritalin (R) und andere Medikmente können in besonders starken Fällen die Unruhe und Zappeligkeit dämpfen. Sie sind situativ absetzbar (z.B. am Wochenende) und haben geringe Nebenwirkungen (z.B. Appetit- und Schlaflosigkeit). Diese Medikamente haben keine generelle Wirkung auf die Hyperaktivität, sie verbessern nicht die Schulleistungen und wirken nicht auf die Ursachen, ihre Wirkung ist situativ und zeitlich begrenzt. Ritalin kann auch nicht veraltete Lernmethoden ersetzen bzw. überflüssig machen.
Die Gefahr dieser Medikamente ist die psychische Abhängigkeit, allerdings nicht der Kinder sondern der Eltern. Das Kind wird dann immer ruhiger, und die Eltern können ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf andere Aktivitäten richten. Am besten immer nur in kleinen Mengen verschreiben lassen.
Den Einsatz genau erklären lassen, denn Ärzte wissen oft leider zu wenig über Hyperaktivität und alternative Behandlungsmöglichketen.
Ritalin (u.a Medikamente) kann gegebenenfalls in Kombination mit psychosozialer, psychotherapeutischer, sonderpädagogischer oder heilpädagogischer Behandlung eingesetzt werden.
Übrigens: Ritalin wird in den USA oft auch auf der Straße käuflich erworben und ist für manche Kinder schon zur Einstigsdroge geworden.
Für manche Kinder (und ihre Eltern) ist Ritalin ein Geschenk des Himmels, aber es ist nur ein Puzzle, das zweifellos zu häufig beschrieben und als Ersatz für gute Erziehungs- und Lernmethoden benutzt wird.
Die Alternativen bzw. die anderen Puzzlesteine sollen im Folgenden beschrieben werden.
Tips und Hilfen für den elterlichen (und schulischen usw.) Umgang mit hyperaktiven Kindern:
Eltern sollten eigene Belastungen abbauen, ihr Kind braucht mehr Zeit und Betreuung als andere (sog. “pflegeleichte”) Kinder.
Erwartungen an die Kindern verändern: Die Schwierigkeiten des Kindes akzeptieren, es ist anders als andere Kinder, es sieht die Belastungen selbst nicht, es kann nichts dafür.
Den Druck nehmen: nicht dem Druck der Umwelt und der Schule nachgeben und auf das Kind übertragen. Das Kind benötigt im Gegenteil den Schutz durch die Eltern gegen die Angriffe von außen. das Kind verhält sich auch störend, wenn z.B. Besuch da ist. Für das Kind ist das normal, und das ist nicht zu ändern.
An die Fähigkeiten des Kindes glauben, und es kann eine Menge auch Unerwartetes erreicht werden. Nicht darauf bestehen, daß das Kind ruhig sitzt. Hyperaktive Kinder müssen sich buchstäblich bewegen.
In Ruhe herausfinden, was das Kind kann und was ihm wirlich zuzumuten bzw.zu übertragen ist. Das gilt für alle Lebensbereiche: Alltag zu Hause, Schule, soziales Zusammenleben. In diesen Fähigkeiten dann das Kind gezielt und fortwährend unterstützen: durch Lob und durch Anleitung.
Exkurs:
In der Regel erfährt das Kind Zuwendung (auch Schimpfen und Beobachten sind eine Form von Zuwendung) für hyperaktives Verhalten, für das, was es ruhiger macht allerdings in der Regel nicht, weil die Eltern dann erleichtert sind, mal eine Pause zu haben. Verständlich, da sie Pausen zum Durchatmen brauchen.
Ruhiges Verhalten des Kindes, auch wenn es selten vorkommt, mit besonderer Zuwendung beachten und bestärken. Lob, Aufmerksamkeit und Belohnungen sollten in der Regel unmittelbar während oder nach dem ruhigeren Verhalten erfolgen.
Auf störendes und übermäßig unruhiges Verhalten nicht mit besonderer Aufmerksamkeit reagieren, nur so kurz und soviel wie unbedingt notwendig ist, und dann sachlich (lautes Nein, wegziehen usw.) Dem Kind Modell sein für ruhigeres und gewünschtes Verhalten. Die Aufgaben und Aktivitäten, die das Kind potentiell bewältigen kann, in Ruhe und kleinen Schritten vormachen und ggf. dabei erklären und beschreiben (wie “mit sich selbst sprechen”). Kinder können am besten lernen, wenn ihnen etwas durch Vormachen gezeigt wird.
Das Kind muß ggf. für Aufgaben und bestimmte Verhaltensweisen motiviert werden, z.B. malen, spielen, vorlesen, Filme schauen. Dieses Motivieren kann in oben beschriebener Weise (kleine Schritte, vormachen, beschreiben) erfolgen.
So oft wie möglich vorlesen, und dann vorallem spannende, den Möglichkeiten des Kindes gerechte, aber nicht aufreibende Geschichten.
Humor ist wichtig, denn Lachen ist immer noch die beste Medizin. Regel aufstellen und Grenzen setzen. Auf Einhaltung dieser Grenzen so gut wie möglich achten. Ggf. das Kind durch ein positives Punkte-System für das Einhalten von Grenzen belohnen.
Kinder brauchen Begründungen für Verhaltensänderungen. “Weil ich es so will”, ist zwar einfach gesagt, aber für Kinder überhaupt nicht einleuchtend.
Erwünschtes Verhalten belohnen ist immer besser als hyperaktives Verhalten zu bestrafen.
Das Kind und sich selbst nicht ständig drängen, kritisieren, in der Öffentlichkeit bloßstellen, aus Wut anschreien. Keinesfalls das Kind schlagen. Das gilt eigentlich generell, hat aber auf hyperaktive Kinder eine besonders zerstörerische Wirkung. Das Kind ist hilflos, da es vieles nicht verändern kann. Strafen erzeugt daher Wut. Es unterdrückt diese Wut sicherlich den Eltern gegenüber, wird sie dann aber an Objekten oder anderen Kindern auslassen.
Ausgebrannte Eltern sollten sich Schonung gönnen, denn man braucht selbst einen großen Vorrat an Liebe und Geduld.
Ausführliche Vorschläge an die Schule, die Schulform, das Lernen und den Umgang mit den Lehrern siehe im Buch von Freed & Parsons, s.u. Sonderschulen sind keine Hilfsschulen mehr sondern speziell auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet.
Noch ganz Konkretes zum Thema Fernsehen: Die Fernsehzeit am Tag auf eine Stunde beschränken, auch wenn das Kind dadurch etwas ruhiger wird.
Längerfristig fördert Fernsehkonsum die Unruhe. Am besten, mit dem Kind gemeinsam fernsehen. Kein Zappen. Fernseher ggf. in einem unattraktiven Raum aufstellen, damit es nicht immer im Mittelpunkt steht.
Zu den weiteren Behandlungsmöglichkeiten gehören:
- Beschäftigungstherapie
- Denk- und Wahrnehmungstraining
- Ernährungsumstellung
- Beschäftigung mit dem Computer Verhaltenstherapie
Zu guter Letzt, aber nicht umsoweniger wichtig:
Eltern werden durch die Symptomatik ihres Kindes immer wieder an die Grenzen ihrer Belastung geführt und neigen dazu, an ihren erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln. Die vom Kind ausgehende Unruhe kann Verärgerung, Aggression aber auch gefühlsmäßige Ablehnung erzeugen. Solche zwischenzeitlichen Gefühle sind verständlich, und Verständnis ist ebenso wichtig wie konkrete Hilfe. Auch hier sollte professionelle Hilfe ohne Zögern in Anspruch genommen werden. Denn eventuell sind psychomotorische, sonder- oder heilpädagogische Hilfen zur Förderung des Kindes und Unterstützung der Eltern notwendig. Hier beraten die psychologischen Beratungsstellen, Kinderärztinnen und -ärzte oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten. (s.u.) Aber: Auch Eltern sollten sich selbst alleine im Wechsel oder besser noch zusammen immer wieder etwas Gutes tun, und das ohne Kind und Kinder: ausspannen, ins Kino oder Theater gehen, Freunde besuchen, verreisen, Essen gehen. Und da so etwas als regelmäßige Möglichkeit schwierig ist, immer gibt es genügen. Gründe, die gerade dann dazwischen kommen können, sollte ein regelmäßige Zeit pro Woche/Monat/Vierteljehr festgelegt werden. Sicher gibt es immer wieder jemanden, der sich in dieser Zeit um das Kind kümmert. Gggf. ein professioneller Babysitter. Man ist dann keine Rabenmutter oder kein Rabenvater und braucht sich auch keine Schuldgefühle deswegen zu machen. Im Gegenteil, von entspannten und zufriedenen Eltern profitiert das Kind mehr als von genervten.
Kontakte – Hilfen – Literatur
Sollte Selbsthilfe in der Familie nicht möglich sein, bieten – neben der ärztlichen Hilfe – die Beratungsstellen für Kinder, Eltern und Familien Beratung und psychotherapeutische Hilfe an. Adressen von Beratungsstellen, die von den Städten und Gemeinden und den Kirchen getragen werden, erhalten Sie aus den Telefonbüchern oder von den Jugendämtern. Diese Hilfe bezieht sich auf den Abbau von Belastungen und Spannungen in der Familie, dem sozialen Umfeld und der Schule, auf den Abbau der kindlichen Ängste und Aggressionen und auf die Veränderung der Bindungen, z.B. Loslassen können.
Leider werden die Unterstützungsmöglichkeiten durch Beratungsstellen immer geringer, da durch Mittelkürzungen im Sozialbereich vermehrt Stellen eingespart werden.
Um die im Merkblatt angesprochenen Fragen kümmert sich auch die Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Teilleistungsstörungen (MCD/HKS) e.V. Zu erreichen ist die BAG TL (Kurzform des o.g. Namens) in 50933 Köln, Wendelinstr. 64, Tel. 0221/4995998 sowie Fax 0221/4911464.
Quelle: www.wdr.de
